www.ethologie.de » Sozialverhalten (Druckansicht)


   
 Abteilung für Verhaltensbiologie Zuletzt bearbeitet am 28.10.2010

Evolution und Entwicklung des Sozialverhalten

 
Das Verhalten der Tiere ist ein Produkt der natürlichen Selektion, das ihnen hilft sich an die natürlichen Bedingungen ihres Habitats anzupassen. Allerdings entwickelt sich das individuelle Verhaltensprofil von Säugetieren nicht starr aufgrund vorgegebener genetischer Programme. Vielmehr haben Umwelteinflüsse in allen Phasen der Entwicklung einen modulierenden Einfluss. Ein umfassendes Verständnis des Verhaltens von Säugetieren ist deshalb nur dann möglich, wenn sowohl die selektierenden, ökologischen Kräfte im natürlichen Habitat der Tiere als auch die Umwelteinflüsse während der Lebensgeschichte berücksichtigt werden. Bei den meisten Tieren in Menschenhand – Heimtieren wie Hunden oder Katzen, landwirtschaftlichen Nutztiere, oder den meisten Labortieren – kommt noch ein weiterer Faktor hinzu. Hierbei handelt es sich nicht um Wild-, sondern Haustiere, die im Laufe des Domestikationsprozesses aus Wildtieren entstanden sind, wobei es immer zu Veränderungen in Aussehen, Physiologie und Verhalten gekommen ist. In unserer Forschung untersuchen wir am Beispiel von Haus- und wilden Meerschweinchen, wie es durch das Wirken der natürlichen Selektion zur Ausbildung unterschiedlicher Paarungs- und Sozialsysteme bei nahverwandten Arten gekommen ist, welche Veränderungen durch die Domestikation vom Wild- zum Hausmeerschweinchen entstanden sind und wie Einflüsse während der Verhaltensentwicklung das individuelle Verhaltensprofil der Tiere ausformen.

Evolution von Paarungs- und Sozialsystemen

Dieser Forschungsschwerpunkt behandelt Aspekte der sozialen Evolution verschiedener wildlebender Meerschweinchenarten, die sich durch völlig unterschiedliche Paarungs- und Sozialsysteme auszeichnen. Vergleichende Gehegeuntersuchungen erhellen zum Beispiel, inwieweit das Partnerwahlverhalten für diese Unterschiede verantwortlich ist. Ferner wird analysiert, ob Unterschiede in der Reproduktionsphysiologie Anpassungen an die unterschiedlichen Paarungssysteme darstellen. Letztlich werden Freilanduntersuchungen im natürlichen Lebensraum der Tiere in Südamerika durchgeführt, um den Anpassungswert der Sozialsysteme an die ökologischen Bedingungen abschätzen zu können. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde eine neue Meerschweinchenart entdeckt: das Münstersche Wieselmeerschweinchen (Galea monasteriensis). Ziel der Forschung ist es, zu verstehen, wie es im Laufe der Evolution zur Diversifizierung sozialer Systeme kommt.


Die folgenden drei Publikationen aus unserer Arbeitsgruppe sollten Sie zu diesem Thema gelesen haben:

  • Sachser, N; Schwarz-Weig, E; Keil, A; Epplen, JT (1999): Behavioural strategies, testis size, and reproductive success in two caviomorph rodents with different mating systems. Behaviour 136: 1203-1217.



Weitere Publikationen zu diesem Thema:

  • Hennessy, MB; Neisen, G; Bullinger, KL; Kaiser, S; Sachser, N (2006): Social organization predicts nature of infant-adult interactions in two species of wild guinea pigs (Cavia aperea and Galea monasteriensis). Journal of Comparative Psychology 120: 12-18.

  • Adrian, O; Brockmann, I; Hohoff, C; Sachser, N (2005): Paternal behaviour in wild guinea pigs: A comparative study in three closely related species with different social and mating systems. Journal of Zoology (Lond.) 265: 97-105.

  • Asher, M; Oliveira, ES; Sachser, N (2004): Social system and spatial organization of wild guinea pigs (Cavia aperea) in a natural low density population. Journal of Mammalogy 85: 788-796.

  • Solmsdorff, K; Kock, D; Hohoff, C; Sachser, N (2004): Comments of the genus Galea Meyen 1833 with description of Galea monasteriensis n.sp. from Bolivia (Mammalia, Rodentia, Caviidae). Senckenbergiana biologica 84: 137-156.

  • Trillmich, F; Kraus, C; Künkele, J; Asher, M; Clara, M; Dekomien, G; Epplen, JT; Saralegui, A; Sachser, N (2004): Species-level differentiation of two cryptic species pairs of wild cavies, genera Cavia and Galea, with a discussion of the relationship between social systems and phylogeny in the Caviinae. Canadian Journal of Zoology 82: 516-524.

  • Hohoff, C; Franzen, K; Sachser, N (2003): Female choice in a promiscuous wild guinea pig, the yellow-toothed cavy (Galea musteloides). Behavioral Ecology and Sociobiology 53: 341-349.

  • Hohoff, C; Solmsdorff, K; Löttker, P; Kemme, K; Epplen, JT; Cooper, TG; Sachser, N (2002): Monogamy in a new species of wild guinea pigs. Naturwissenschaften 89(10): 462-465.

  • Touma, C; Palme, R; Sachser, N (2001): Different types of oestrus cycle in two closely related South American rodents (Cavia aperea and Galea musteloides) with different social and mating systems. Reproduction 121: 791-801.

  • Cooper, TG; Weydert, S; Yeung, CH; Künzl, C; Sachser, N (2000): Maturation of epididymal spermatozoa in the non-domesticated guinea pigs Cavia aperea and Galea musteloides. Journal of Andrology 21 (1): 154-163.

  • Wölbing, O; Asher, M; Bishr, Y; Kuhn, W; Sachser, N (2000): Applying GIS for investigations in behavioural biology. In: Strobl, J; Blaschke, T; Griesebner, G (ed.): Angewandte Geographische Informationsverarbeitung XII, Beiträge zum AGIT-Symposium Salzburg 2000. Herbert Wichmann Verlag, Heidelberg: 520-528.

  • Keil, A; Epplen, JT; Sachser, N (1999): Reproductive success of males in the promiscuous-mating yellow-toothed cavy (Galea musteloides). Journal of Mammalogy 80(4): 1257-1263.

  • Keil, A; Sachser, N (1998): Reproductive benefits from female promiscuous mating in a small mammal. Ethology 104: 897-903.

  • Sachser, N (1998): Of domestic and wild guinea pigs: studies in sociophysiology, domestication, and social evolution. Naturwissenschaften 85: 307-317.

  • Schwarz-Weig, E; Sachser, N (1996): Social behaviour, mating system and testes size in cuis (Galea musteloides). Zeitschrift für Säugetierkunde 61: 25-38.

  • West-Eberhardt, MJ; Bradbury, JW; Davies, NB; Gouyon, PH; Hammerstein, P; König, B; Parker, GA; Queller, DC; Sachser, N; Slagsvold, T; Trillmich, F; Vogel, C (1987): Conflicts between and within the sexes in sexual selection. In: Sexual selection:Testing the alternatives. John Wiley & Sons, Chinchester: 180-195.


Domestikation

Bei dem überwiegenden Teil der Tiere in Menschenhand - Heim-, landwirtschaftliche Nutz- und Labortiere - handelt es sich nicht um Wild-, sondern Haustiere. Haustiere haben niemals in freier Natur gelebt, sondern sie sind durch den Prozess der Domestikation aus Wildtieren entstanden. In diesem Forschungsschwerpunkt untersuchen wir, zu welchen Veränderungen es dabei im Verhalten und in den hormonellen Stressreaktionen gekommen ist. Wir favorisieren die Hypothese, dass es sich bei Domestikationserscheinungen keineswegs um negative oder gar „degenerierte“ Merkmale handelt. Vielmehr könnten diese es den Haustieren erleichtern, sich an ihre Lebenswelt in menschlicher Obhut anzupassen.


Die folgenden drei Publikationen aus unserer Arbeitsgruppe sollten Sie zu diesem Thema gelesen haben:

  • Künzl, C; Kaiser, S; Meier, E; Sachser, N (2003): Is a wild mammal kept and reared in captivity still a wild animal? Hormones and Behavior 43: 187-196.

  • Künzl, C; Sachser, N (1999): The behavioural endocrinology of domestication: a comparison between the domestic guinea pig (Cavia aperea f. porcellus) and its wild ancestor, the cavy (Cavia aperea). Hormones & Behavior 35: 28-37.



Weitere Publikationen zu diesem Thema:

  • Kaiser, S; Krüger, C; Sachser, N (2010): The guinea pig. In: Hubrecht, R; Kirkwood, J (eds): The care and management of laboratory and other research animals. 8th edition. Wiley-Blackwell, Chichester, UK.: 380-398.

  • Sachser, N; Künzl, C; Kaiser, S (2004): The welfare of laboratory guinea pigs. In: Kalista, E (ed.): The welfare of laboratory animals. Kluwer Academic Publishers, Dordrecht, The Netherlands: 181-209.

  • Künzl, C; Meier, E; Sachser, N (2002): Verhaltensbiologische Untersuchungen zur Anpassung von Wildmeerschweinchen an den Hausstand. In: Gansloßer, U (ed.): Gruppenmechanismen. Filander-Verlag, Fürth: 153-158.

  • Künzl, C; Sachser, N (2000): Auswirkungen der Domestikation auf Verhalten und endokrine Anpassungsreaktionen beim Meerschweinchen. Archiv für Tierzucht, Dummerstorf 43 Sonderheft: 153-158.

  • Künzl, C; Sachser, N (2000): Sozialverhalten und soziale Organisation von Wild- und Hausmeerschweinchen. Tierlaboratorium 23: 100-111.

  • Künzl, C; Meier, E; Sachser, N (1999): Ist ein Wildmeerschweinchen in Menschenhand noch ein Wildtier? In: Aktuelle Arbeiten zur artgemäßen Tierhaltung 1998. KTBL-Schrift 382. Darmstadt: 107-114.

  • Sachser, N (1998): Of domestic and wild guinea pigs: studies in sociophysiology, domestication, and social evolution. Naturwissenschaften 85: 307-317.



Verhaltensentwicklung, insbesondere während der pränatalen Phase und der Adoleszenz


Individuen derselben Art können sich bei Säugetieren gravierend bzgl. ihrer Verhaltensprofile und Verhaltensstrategien unterscheiden. Eine Analyse, welche Faktoren für diese Differenzen verantwortlich sind, weist neben Geschlecht, Alter und genetischer Veranlagung Umwelteinflüssen sowie Lern- und Sozialisationsprozessen während der Verhaltensentwicklung eine Schlüsselrolle zu. Während sich die Forschung jahrzehntelang fast ausschließlich auf Einflüsse während der frühkindlichen Entwicklungsphase konzentrierte, zeigten nachfolgende Untersuchungen: Bereits pränatale Einflüsse können die Gehirn- und Verhaltensentwicklung tiefgreifend modulieren. Aber auch spätere Phasen sind von Bedeutung: So ist bei sozial lebenden Arten die Adoleszenz ein entscheidender Lebensabschnitt, in dem in Interaktionen mit Artgenossen für das weitere Zusammenleben wesentliche soziale Fähigkeiten erworben werden. In Untersuchungen an Haus- und Wildmeerschweinchen erforschen wir, wie die soziale Umwelt, in der die Mütter während der Trag- und Säugezeit leben, die Gehirnentwicklung, die hormonellen Reaktionen und das Verhaltensprofil ihrer Söhne und Töchter beeinflusst. Gefragt wird, welche neuroendokrinen Prozesse unterschiedliche Profile hervorbringen und ob die Merkmale von Nachkommen sozial gestresster Mütter (Infantilisierung bei Söhnen / Verhaltensmaskulinisierung bei Töchtern) Ausdruck einer Pathologie oder Anpassungen an die Lebenswelt der Mütter darstellen. Untersucht wird ferner, wie die sozialen Erfahrungen während der Adoleszenz das Verhaltensprofil und die hormonellen Stressreaktionen im Erwachsenenalter beeinflussen. Auch hier wird analysiert, welche neuroendokrinen Prozesse unterschiedliche Verhaltensprofile hervorbringen und ob diese Anpassungen an unterschiedliche soziale Situationen (z.B. hohe versus niedrige Populationsdichte) darstellen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt diese Untersuchungen momentan durch die Förderung von Sylvia Kaiser und Norbert Sachser (KA 1546/6-1 und /7-1 sowie Sa 389/11-1) im Rahmen der Forschergruppe “Reduktion der phänotypischen Verhaltensplastizität durch frühe Erfahrung: funktionale Konsequenzen eines adaptiven Mechanismus“ (FOR 1232/1).


Die folgenden drei Publikationen aus unserer Arbeitsgruppe sollten Sie zu diesem Thema gelesen haben:

  • Kaiser, S; Sachser, N (2005): The effects of prenatal social stress on behaviour: Mechanisms and function. Neuroscience and Biobehavioral Reviews 29: 283-294.

  • Sachser, N; Lick, C; Stanzel, K (1994): The environment, hormones and aggressive behaviour - a five-year-study in guinea pigs. Psychoneuroendocrinology 19: 697-707.



Weitere Publikationen zur pränatalen Beeinflussung des Verhaltens:

  • Kemme, K; Kaiser, S; Sachser, N (2008): Prenatal stress does not impair coping with challenge later in life. Physiology and Behavior 93: 68-75.

  • Kaiser, S; Sachser, N (2007): Sex-specific effects of early social stress in mammals: A study in guinea pigs. In: Encyclopedia of stress, 2nd ed.; editor in chief: George Fink. Academic Press, Oxford; Vol.3: 479-484.

  • Kemme, K; Kaiser, S; Sachser, N (2007): Prenatal maternal programming determines testosterone response during social challenge. Hormones and Behavior 51: 387-394.

  • Wewers, D; Kaiser, S; Sachser, N (2005): Application of an antiandrogen during pregnancy infantilizes the male offsprings' behaviour. Behavioural Brain Research 158: 89-95.

  • Kaiser, S; Heemann, K; Straub, RH; Sachser, N (2003): The social environment affects behaviour and androgens, but not cortisol in pregnant female guinea pigs. Psychoneuroendocrinology 28: 67-83.

  • Kaiser, S; Kruijver, FPM; Straub, RH; Sachser, N; Swaab, DF (2003): Early social stress in male guinea pigs changes social behaviour, and autonomic and neuroendocrine functions. The Journal of Neuroendocrinology 15: 761-769.

  • Kaiser, S; Kruijver, FPM; Swaab, DF; Sachser, N (2003): Early social stress in female guinea pigs induces a masculinization of adult behavior and corresponding changes in brain and neuroendocrine function. Behavioural Brain Research 144: 199-210.

  • Kaiser, S; Sachser, N (2001): Social stress during pregnancy and lactation affects in guinea pigs the male offsprings' endocrine status and infantilizes their behaviour. Psychoneuroendocrinology 26: 503-519.

  • Kaiser, S; Brendel, H; Sachser, N (2000): Effects of ACTH applications during pregnancy on the female offsprings' endocrine status and behavior in guinea pigs. Physiology & Behaviour 70: 157-162.

  • Kaiser, S; Sachser, N (1998): The social environment during pregnancy and lactation affects the female offsprings' endocrine status and behaviour in guinea pigs. Physiology & Behavior 63: 361-366.

  • Kaiser, S; Sachser, N (1998): Die pränatale Beeinflussung von Verhalten und Physiologie bei Hausmeerschweinchen. In: Aktuelle Arbeiten zur artgemäßen Tierhaltung 1997. KTBL Schrift 380. Darmstadt: 164-172.

  • Sachser, N; Kaiser, S (1996): Prenatal social stress masculinizes the females' behaviour in guinea pigs. Physiology & Behavior 60: 589-594.

  • Kaiser, S; Sachser, N (1993): Effects of the social environment during pregnancy of guinea pigs on the behaviour of their female offspring. In: Nichelmann M et al. (ed.): Proceedings of the International Congress of Applied Ethology. Berlin: 396-398.



Weitere Publikationen zur Beeinflussung des Verhaltens während der Adoleszenz:

  • Kaiser, S; Haderthauer, S; Sachser, N; Hennessy, MB (2007): Social Housing Conditions around Puberty Determine Later Changes in Plasma Cortisol Levels and Behavior. Physiology and Behavior 90: 405-411.

  • Sachser, N; Lick, C; Stanzel, K (1994): The environment, hormones and aggressive behaviour - a five-year-study in guinea pigs. Psychoneuroendocrinology 19: 697-707.

  • Sachser, N (1993): The ability to arrange with conspecifics depends on social experiences around puberty. Physiology & Behavior 53: 539-544.



Weitere Publikationen zur Verhaltensentwicklung:

  • Sachser, N (2009): Neugier, Spiel und Lernen: Verhaltensbiologische Anmerkungen zur Kindheit. In: Handbuch der Erziehungswissenschaft Band III/I Familie-Kindheit-Jugend-Gender: 329-339.

  • Hennessy, MB; Neisen, G; Bullinger, KL; Kaiser, S; Sachser, N (2006): Social organization predicts nature of infant-adult interactions in two species of wild guinea pigs (Cavia aperea and Galea monasteriensis). Journal of Comparative Psychology 120: 12-18.

  • Adrian, O; Brockmann, I; Hohoff, C; Sachser, N (2005): Paternal behaviour in wild guinea pigs: A comparative study in three closely related species with different social and mating systems. Journal of Zoology (Lond.) 265: 97-105.

  • Carter, SC; Ahnert, L; Grossmann, K; Hrdy, SB; Lamb, ME; Porges, SW; Sachser N (ed.) (2005): Attachment and Bonding: A New Synthesis. MIT Press, Cambridge.

  • Pedersen, CA; Ahnert,L; Anzenberger, G; Belsky, J; Draper, P; Fleming, AS; Grossmann, K; Sachser, N; Sommer, S; Tietze, DP; Young, LJ (2005): Beyond infant attachment: the origins of bonding later in life. In: Carter SC, Ahnert L, Grossmann K, Hrdy SB, Lamb ME, Porges SW, Sachser N (ed.): Attachment and Bonding: A New Synthesis. MIT Press, Cambridge: 385-427.

  • Wewers, D; Kaiser, S; Sachser, N (2003): Maternal seperation in guinea pigs: a study in behavioural endocrinology. Ethology 109: 443-453.







Diese Seite: